Eine Idee von Fotografie

Peter Laub

Fotografieren ist eine Technik des Sehens, die von der Wahrnehmung des Auges über die Betätigung des Auslösers bis zur Bildbearbeitung am Computer reicht. Durch den Willen, eine Fotografie anzufertigen, sehen meine Augen anders, als wenn ich nur spazierengehe oder mich zwischen zwei Punkten bewege. Ich fotografiere nicht, weil ich etwas Gesehenes festhalten will, ich fotografiere, weil ich etwas Bestehendes sehen will. Das funktioniert über die Gesetze des Ausschnitts und der Serie.

Fotografieren ist eine Teilung der Totalität der Wirklichkeit in bildhafte Ausschnitte. Niemand ist in der Lage, die Totalität der Wirklichkeit wahrzunehmen. Es dürfte vielmehr so sein, dass man nicht einmal einen Teil davon zu einer echten Kenntnis bringen kann. Dadurch, dass man selbst Bestandteil dieser Wirklichkeit ist, und diese als ganze sich in ständiger Bewegung befindet und sich deshalb in keinem ihrer Bestandteile je wiederholen kann, ist es kaum möglich, auch den kleinsten Passus „wirklich“ wahrzunehmen. Man fällt in das Sehen gewohnter Sinn-Summen zurück, die zumeist stark kulturell vorgeprägt sind: die „Berge“, der „Sonnenuntergang“, das „Schloss“, der „Strand“ usw. Was man vermeintlich als Besonderheit aus dem Meer der Totalität herausfischt und als Einzelheit zu erkennen glaubt, ist in Wahrheit nur das Resultat eines summarischen Sehens, das oft aus einem medial gelernten Rendern von Sinn-Schnipseln und Erkenntnisfragmenten besteht. Die Fotografie schneidet bestimmte Wirklichkeitsbezüge aus der Wirklichkeit aus und stellt sie als Bild in einen neuen Wirklichkeitsbezug, sie wird selbst zur Wirklichkeit und verändert damit den Blick auf die fotografierte Wirklichkeit.

Fotografieren ist grundsätzlich eine serielle Form der Bilderfassung, und das in zweierlei Hinsicht. Erstens ist jedes einzelne Bild zumeist ein ausgesuchtes und erarbeitetes Resultat aus vielen Bildern. Wenn ich eine Fotografie (in welchem Zusammenhang auch immer) veröffentliche, habe ich vorher eine ganze Reihe Aufnahmen gemacht. Fotografie ist ein schnelles Medium, der Zufall spielt dabei immer eine gewisse Rolle, und wenn er beim Shot auch schon von der Erfahrung und der Intuition stark gesteuert wird, so wird er bei der Auswahl und Nachbearbeitung in ein Netz von künstlerischen Intentionen eingesponnen. Zweitens gestattet die Fotografie die Begleitung eines Objektes oder einer Objektgruppe über eine längere Zeit hinweg. Ich fotografiere immer dasselbe, zu unterschiedlichen Jahres- und Tageszeiten, in unterschiedlichen Stimmungen und aus verschiedenen Blickwinkeln. Ich nenne das „Porträtieren“ und fasse diese Arbeiten unter dem Begriff „Projekte“.

Entscheidend ist für mich die Erkenntnis, dass wahrnehmendes Sehen aus einem dynamischen Oszillieren zwischen General- und Detailsicht besteht; deshalb bewegen sich meine Fotografien zwischen dem aus mehreren Einzelbildern zusammengesetzten Panorama und der Makroaufnahme, wobei die Sehbarkeit durch das menschliche Auge die Grenze sowohl in der Nah- als auch in der Fernsicht markiert. Mikroskopische oder Super-Teleaufnahmen gibt es demnach bei mir nicht, da ich das Sichtbare wahrnehmbar, und nicht das Unsichtbare sichtbar machen möchte. Um sich beständig zwischen dem panoramatischen Blick und dem winzigen Detail bewegen zu können, braucht es vor allem eines: Zeit.

Dazwischen gibt es auch Werkgruppen (z.B. „Korsika“), in denen ich bewusst weitgehend auf die Fernsicht verzichte und die Nahsicht das Generalthema abgibt. Hierbei geht es vor allem um Oberflächenstrukturen und Linienmuster, die sich zu einem hochgradig ästhetischen Gebilde verdichten sollen, ohne dass ihre wirkliche Größe oder Farbe eine Rolle spielen.

Ich bediene mich keiner morphologischen Methoden der Bildgestaltung, d.h. ich verändere weder die natürliche Form eines Gegenstandes noch kombiniere ich Gegenstände nach eigenem Gutdünken - auch wenn ich seit jüngster Zeit mit alternativen fotografischen Techniken experimentiere. In meinen Fotografien ist grundsätzlich nichts Fantastisches, alles entstammt der Wirklichkeit. Vielleicht steht einmal ein Motiv auf dem Kopf, die stürzenden Linien wurden beseitigt oder es handelt sich um ein HDR-Bild. Freiheiten gestatte ich mir allein bei der Farbgestaltung und der Komposition.

Die Komposition ist das zentrale Element, bereits beim Shot spielt sie eine große Rolle. Nachdem ich nichts hinzuerfinde, muss alles, was ich zur Gestaltung brauche, bereits bei der Aufnahme auf dem Bild sein. Ich bekenne mich zum rechten Winkel und zur geraden Linie, zu den Grundsätzen der Symmetrie und des Goldenen Schnitts, mithin zu denen der klassischen Komposition. Und das ist eine Sache, die in aller Ruhe vor dem Bildschirm stattfindet.