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Zum „Idealbild“ von Peter Laub

von Hiltrud Oman

Seit seiner Kindheit prägt der Büchermacher Peter Laub seine biografische Spur durch Sprache, später auch durch das Bild. Die digitale Fotografie ist die jüngst sprießende Ambition des Multitalents, das mit überquellender Lust an der eigenen „wuchernden“ Kreativität, wie er sie benennt, alles und jedes so zur Darstellung bringt, als schöpfe er aus­schließlich aus dem Vollen. Seinen Fotografien ist nicht zu­letzt aus dieser Kraft heraus eine überaus starke Wahrnehmungspräsenz inne.

Mit prüfend wachem Auge durchwandert der Kunst­geschulte Natur- und Stadtlandschaften und schnappt nach eigenwilligen Ausschnitten seiner Umgebung. Die dem Kunsthistoriker eingebrannten Regeln der klassischen Perspektive, des Goldenen Schnitts sowie des „disegno“ und der „composizione“ lassen ihn bei höchster Aufmerksamkeit ein „Idealbild“ einfangen, wo immer. Überraschend ist, dass er mit zweierlei Augen fotografiert: das realistisch Figurative und das Abstrakte, scheinbar „Gegenstandslose“, das sich allenfalls aus der selben Dingwelt subtrahiert.

Peter Laubs Interesse für bestimmte Sujets lässt ihn in Werkgruppen arbeiten, wobei seine Vorlieben für Landschaft und Architektur – übrigens in seiner Profession ein lang gehegtes Faible – evident sind.

Offensiv fokussiert er Sujets wie Fassaden, architektonische Konstruktionen u.a. so, als wolle er sie weiter stilisieren und in ihrer Erscheinungsbedeutung erhöhen. Ihr jeweiliges Volumen lässt er ab- oder anschwellen, schiebt ihm Größe zu und macht es mächtig durch den vorgeführten Hin-Blick. Dieser frappanten Scheinwirklichkeit, von magischer Anziehungskraft überblendet, mag die Idee zu Grunde liegen, den Alltag auszuklammern, um das überall lauernde Schöne, selbst im Kleid jämmerlicher Banalität, offenzulegen. Allerdings entzieht Peter Laub das an die Wirklichkeit angedichtete, kühn „Übergroße“ den Architekturen wieder, wenn er deren Farben in reines, eindeutiges, die Sinne seltsam berührendes Licht taucht, und sie als unbefleckte, trotz der höhensimulierten Nähe unantastbare BauKörper darstellt. Durch die auserwählte Formstrenge, sein leidenschaftliches Bekenntnis zu Mitte, Symmetrie und Präzision wie auch das optische Eindringen in Präzision evoziert er den künstlichen Blick auf die Wirklichkeit, erzeugt und – wäre es möglich – stabilisiert er Illusion. Um neue Bildeinheiten nach eigenem ästhetischen Empfinden geltend zu machen, genauer, die unvollkommene Umgebung zu korrigieren, nützt Laub außer subsidiären Vorlieben wie vertikale, optische Frakturen und Diagonalen, die Bildbreiten teilen, auch die akzentuierte Isolation von Bildelementen. Solche Details, wie auch die überhöhte in-Blicknahme eines aus der Wirklichkeit übertragenen Bildgegenstandes, hinterlassen eine subjektiv wahrnehmbar vollkommene, ebenso dramatische Wirkung.

Eine ähnlich spannungsgeladene Bilddramaturgie bringt Peter Laub in den Abbildungen von grafisch gesehenen Linien und Netzen aus der Welt der Technik hervor. Entschlossen zur Foto-Grafik lässt er, selber energiegebündelt, mit scheinbarer Wucht die als fließende aufgenommenen Strukturen optisch über die himmelfarben unterlegten Bildflächen zischen. Ist solches Liniengewebe vegetabilen Ursprungs, gesteht er diesem die im Augenblick ruhende Schönheit zu, gibt sein Ansinnen an Vergänglichkeit preis und lässt die Gefüge unter kühlen Himmeln gleichermaßen schwingen. Im Umgang mit Vernetzungen von Schnittpunkten gelangt Peter Laub zu stilistisch und technisch ausgearbeiteten Höhen, die sein Schaffen von authentisch individuellen Bildidentitäten etablieren.

Das Spiel mit den Linien treibt Laub – durch nichts zu bändigen, am wenigsten in Spiegelungen – aber auch dort, wo sie nicht offenkundig sind. Da lässt ihn seine in der Romantik verwurzelte Seele eine naturgebundene Idealität der Landschaftsabbildung erstreben. Durch den auf horizontale Scheitel gerichteten Blick des Fotografen gleitet der Betrachter, die überschaubaren Raumschichtungen visuell überfliegend, in eine zentrierte Bildöffnung, die zugleich bergenden Halt gibt und das Betrachterauge zum unbedingten Verweilen attrahiert.

Auf spannende Art führt uns Laub Durchblicke, meist in kräftiges Blau, vor Augen, die sich zwischen den zur Mitte getriebenen Bildelementen als freie Flächen und zugleich bildgestaltendes Spatium aufspreizen. Das Luftige, der Blick ins Nichts als Blau gelangt so zu einer simultanen Geltung des akzentuierten Ausschnitts und bedeutet keine Fragmentierung als Bildgegenstand. Also bleibt in seinen Bildern nichts vakant, auch kein Platz für Metaphern im Raum. Mit dem häufig nach oben gerichteten und gleichzeitig seinen Lebensraum visualisierenden Blick eröffnet uns Peter Laub ein Reich von unzähligen Facetten des idealisiert Schönen in der vom Menschen geschaffenen Welt und der unbestimmt quellenden Poesie in der sich selbst überlassenen Natur.

November 2006