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Ansprache zur Ausstellungseröffnung

von Hiltrud Oman

UNSER SIGL·HAUS – Ein Museum stellt sich selber aus
Fotografien von Peter Laub
25. April 2009

Liebe Sigl·Haus-Freunde,
Verehrter Sigl Schosch
Geschätzter Herr Bürgermeister
Und liebe, geschätzte Künstlerinnen und Künstler!


Jedes Museum trägt für eine begrenzte Zeit eine spezielle Handschrift.

Seit sieben Jahren hat unser „Heimatmuseum SIGL·HAUS“ den Akzent erhalten, nicht nur das Leben und die Alltagsschätze aus der Vergangenheit widerzuspiegeln, sondern auch die Gegenwartskunst in die Präsentationen miteinzubeziehen.

In unseren Sonderausstellungen seit 2003 waren deshalb stets „Altes“ mit „Neuem“ verbunden. Eine Feuerwehr-Ausstellung in einem solchen „Heimathaus“ muss beispielsweise nicht nur die Ledereimer aus dem 16. / 17. Jh. und Pumpen oder Spritzen aus dem 19. Jahrhundert zeigen. Es darf auch zeigen, wie ein zeitgenössischer Fotograf mit dem Thema Feuer umgeht, wie er es erlebt und sieht, wie er – in unserem Fall war es der Salzburger Fotograf Kai Kuss – das Feuer mit seiner Kamera in Bruchteilen von Sekunden malerisch einfängt. In seinen Arbeiten konnten wir die ungewöhnliche Schönheit und Ästhetik, die Buntheit, den Glanz in Aufbau und Vergehen des Feuers, das sich zwischen Erde und Himmel streckt, erkennen und bewundern.

Nun stand das Thema „25-Jahre- Museum SIGL·HAUS“ an und ich fragte mich seit längerem: Wie gehe ich als Kuratorin mit dieser Aufgabe um. Eine Sonderausstellung, in dem Stil, wie wir sie bisher zeigten, wäre eine Sonderausstellung geworden und keine Jubiläumsausstellung, und all das Gesammelte aus dem Depot wieder hierher zubringen, um zu zeigen, dass die Sammlung noch vollständig ist, wäre auch überflüssig gewesen.

Ich suchte nach einer anderen Idee, bis zu dem Tag, vor eineinhalb Jahren, als Peter Laub aus Salzburg hier seine Fotografien in der Moor-Ausstellung zeigte und meinte, dass es ihn reizen würde, einmal das SIGL·HAUS zu fotografieren, diesmal nicht die Kulisse Sigl·Haus, sondern das Objekt selbst.

So kam er nun, im Lauf eines Jahres, immer dann, wenn das Sigl·Haus nach Ausstellungen leer geräumt war, um seiner Leidenschaft, der Fotografie, nachzugehen.

Zu unser aller Überraschung wurden nicht etwa die typischen Archtiektur-Fotos geschossen, sondern das leer geräumte Museum entwickelte sich für den Fotografen Peter Laub zu einem Terrain für den intimen, geradezu voyeuristischen Blick.
Die Leere des Hauses verlangte danach, den Blick immer schärfer und schärfer werden zu lassen, wodurch sich eine ganz persönliche Fährte an Blick-Entdeckungen entwickelte.

Die vermeintliche Leere bildete plötzlich eine Fülle, eine Dichte an Zeitspuren.
Leere muss nicht Leere bedeuten, besteht sie doch nur innerhalb des Raumes. Der Rand des Raumes birgt Miniaturen aus dessen eigener Geschichte.
Peter Laub fĂĽhrt uns auf die Spur dieser Geschichte, der Lebensgeschichte des 250 Jahre alten Sigl·Hauses. In Folge hat sich das leere Haus gefĂĽllt mit lauter Bildgeschichten, die  n i c h t  in es hineingetragen wurden, die jedoch aus ihm selbst herausgeschält wurden.

Die Erzähler sind Wände aus Blockholz, eicherne TĂĽrstapfen und lerchene TĂĽren, eiserne TĂĽröffner und handgeschmiedete Schlösser,  Ritzen und Risse im Gebälk, die knorrige Beschaffenheit der steilen Holzstiegen und geriffelten Laufbretter, verschiedene Ebenen, die nur eine sein sollten. Aufgedeckt wird zum Beispiel auch der stellenweis stete FraĂź durch unbemerkte und kaum auffindbare Lebewesen, auch die historische, 250 Jahre alte inscriptio, eine bleierne Notiz der Erbauer „1835“ im Holz.

Verlebten Spuren wird in den Bildern nachgegangen, Einritzungen auch: da und dort mögen sie aussehen wie Buchstaben, doch bei genauerem Prüfen entpuppen sie sich als das zufällig enkodierte Konstrukt eines Holzwurms; auch Insekten haben ihre Geschichte in das Bauholz geschrieben.
Lehm- und Kalkspuren an Flächen, die an jene Zeit erinnern, in der Zöllner vor und nach der 20. Jahrhundertwende über 50 Jahre im Sigl·Haus untergebracht waren, – technische Zeichen, die an das Baden des dekonstruierten Gebälks in Wannen mit Insektenschutzflüssigkeit zurück denken lassen.
Abdrucke von Hammerschlägen berichten von der Transponierung des Hauses von Eching in den Kirchweiler St. Georgen (1982).
Vieles andere, Entdeckenswerte mehr hatte der Fotograf im künstlerischen Visier. Seine Bildgeschichten erreichen ein geradezu magisches Niveau durch raffinierteste digital-fototechnische Möglichkeiten. Sie zu beherrschen, bedeutet die Bildsprache zu höhen, aber auch das Aufeinander-Prallen von rustikalem, historischem Hintergrund mit der zeitgenössischen Kunstsprache zuzulassen, wodurch ein spannender Dialog ausgelöst wird. Hunderte von Fotografien mit solch effektiven Uberraschungen sind im Lauf der Zeit entstanden.

„Museum“ – museion – bezeichnet ursprünglich einen Ort der Musen, den Ort für „gelehrte Beschäftigung“, den Ort, wo Wissen in Objekten gespeichert ist. Die Ausstellung „Ein Museum stellt sich selber aus“ verweist ganz bewusst auf die ursprüngliche Funktion und Absicht eines Museums und lässt in dem, wie sie ist, rückgebunden an das Gehäuse, es auf ästhetische Weise hochleben und akzentuiert damit seine Identität.

Die Fotografien Peter Laubs sind also auch als Zeichen zu verstehen, die an den Ursprung der Aufgaben eines Museums zurückführen. Selbstverständlich sind sie auch Zitate des Vorhandenen, Äquivalenzen. Man könnte die bidlhaften Wiederholungen auch „Reime“ nennen, denn doppeldeutig sind sie nicht; Reime, die stellenweise das weniger Sichtbare des Kontexts betonen.
Alle diese vorgefundenen, wahrgenommenen, realen Etats und „Fakten“ werden vom Künstler als Information aufgenommen und in Form von Fotografien als Bild-Botschaft an uns weitergegeben. Mit dieser Ausstellung kreuzen sich Information und Tradition, über den „content“ von Fotografie kann der Besucher in das „Leben” eines historischen Gebäudes eintauchen.

Das ehemalige Sigl·Haus hat viele Leben in sich geborgen, wohl über fünf Generationen: Bauern und Bäuerinnen, Kinder, Mägde und Knechte. Über sie erfahren wir teilweise aus Chroniken, allerdings nicht mehr als Stammdaten. Stammdaten über dieses Haus sind ebenso gesichert, doch seine Eigenheiten verrät es selbst. Peter Laub hat ihnen mit einem oft ungeheurlich genauen Blick nachgespürt. Er umspielt sie mit der Form des Ausschnitts und lässt darin nicht nur Schönheiten, sondern ebenso Hässlichkeiten gelten. Beides wird übersetzt in die Sprache der Ästhetik: so erkennen wir einen neuen Kontext und verstehen wir, dass auch das Verlebte, das Schäbige im Licht der Kunst seine Berechtigung hat.

Wer Peter Laubs Fotografien mit der scharfen Überbetonung von Details anschaut und ihren realen Hintergrund in unmittelbarer Nähe sucht, erfährt eine gewisse bidlhafte Irritation, wird spielerisch entrückt von der Banalität der Wirklichkeit. Darüber hinaus erfährt er sehr viel mehr von der Lebensgeschichte dieses Hauses.
So gesehen wird die Jubiläums-Ausstellung auch dem Haus, dem Gehäuse selbst gerecht und setzt durch das individuelle Spiegeln und übersteigerte Focussieren des Vorhandenen einen starken Akzent der Gegenwart.

Wenn Feste gefeiert werden, wird auch gerne gespielt. Unsere aktuelle Ausstellung „Ein Museum stellt sich selber aus“ ist jedenfalls eine Herausforderung an die Betrachter, die Fotografien Peter Laubs sowohl als Augenfänge wie auch als Suchbilder zu verstehen. Das Abbild will auch Suchbild sein. Auf den ersten Blick sieht der Betrachter das im Bild Festgehaltene in der Realität nicht. Er ist angehalten, sich umzusehen  und soll dazu verleitet werden, die fokussierte Stelle im gleichen oder in einem anderen Größenverhältnis in seiner realen Umgebung zu entdecken.
Es ist ein Spiel, bei dem auch GlĂĽcklose gewinnen!
Ich wĂĽnsche Ihnen jetzt dabei viel SpaĂź!

Und Dir, lieber Peter danke ich ganz herzlich fĂĽr Deine grandiose Idee und deine viele Arbeit bis zur Verwirklichung.